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Die Weltpremiere von «What We Left Behind – Looking back at Star Trek: Deep Space Nine»

von Gastautor Sebastian Blasek

Einleitung. Als ich am vergangenen Wochenende Gast der Star Trek Destination Birmingham war, habe ich mir die Chance nicht entgehen lassen, am Samstag auch der Weltpremiere der Deep-Space-Nine-Dokumentation mit dem ambitionierten Titel «What We Left Behind» beizuwohnen. Ob sich der Erwerb der voraussichtlich irgendwann am Ende dieses Jahres erhältlichen DVD wirklich lohnt, möchte ich an dieser Stelle einmal näher betrachten. Allerdings sind zu deutliche Spoiler auf Bitte Ira Steven Behrs beim Schreiben ausgelassen worden – auch wenn das an einigen Stellen wirklich schwerfiel.

Lobenswerte Aspekte.

Durch die Kraft der Fans. Es ist absolut beeindruckend, auf welche Weise Star-Trek-Fans unzähligen Produktionen zu ihrem Lieblingsthema durch ihre Unterstützung Leben eingehaucht haben. Über Crowdfunding-Anbieter wie Kickstarter oder indiegogo wurden bereits trek-bezogene Fanfilme, Musikprojekte und andere Dokumentarfilme wie «For the Love of Spock» Realität und es ist nicht nur ein Ausdruck der ungebrochenen Leidenschaft, mit der Star-Trek-Anhänger ihre Treue zur Franchise zeigen, sondern auch ein unübersehbares Signal für die Macht, die von Fans ausgeht, wenn sie sich einem gemeinsamen Ziel verschreiben.

Derlei Signale werden auch von TV-Sendern, Internetmedien und Produktionsfirmen empfangen, weswegen es wohl nicht verwundert, dass den Machern dieses Werkes nicht nur der Zugang zu den Archiven von Paramount Pictures sondern auch der Einbezug von ersten Einblicken in die Remastered-Variante von Deep Space Nine gestattet wurde.

Hoher Standard. Die Dokumentation schafft ein Novum: Erstmals gelingt es einer derartigen thematischen Betrachtung, die ganze Bandbreite der sich bietenden Möglichkeiten auszuschöpfen. Angefangen von Musikeinlagen des Star Trek Rat Packs, über den bereits erwähnten Ausblick auf die Qualität der Remastered-Version der Serie bis hin zum Einbezug der vielen Fans und ihrer Ansichten hat die Doku eine Menge Potential, dass durch die Beteiligung einer riesigen Bandbreite von beteiligten Schauspielern (übrigens entgegen anders lautender Behauptungen auch mit Avery Brooks), Hintergrundakteuren und Kreativkräften noch mehr Gewicht erhält. Zu den großartigsten Ideen gehört zudem ein von der alten Schreibergarde um Produzenten und Präsentator Ira Steven Behr zusammen ersonnener Ausblick auf eine potentiellen Start einer achten Staffel DS9, in der viele unbeantwortete Fragen des Staffelfinales «What You Leave Behind» angegangen werden.

Das alles geht mit großartigen Kameraeinstellungen einher und am Ende lässt sich das Herzblut, dass alle Beteiligten in das Projekt haben einfließen lassen, deutlich spüren. «What We Left Behind» ist liebevoll inszeniert, detailreich präsentiert, humorvoll aufgearbeitet und mitunter rührend in Szene gesetzt.

Ehrliche Haut. Den Terminus des ‹ungeliebten Mittelkindes‹ hört man recht schnell in den ersten Minuten der Dokumentation. Bei den mannigfaltigen Themen, die innerhalb der knapp 120 Minuten angerissen werden, scheuen sich die Macher nicht, auch die Kritikpunkte der Serie wie den Bruch mit ehernen Roddenberry-Prinzipien anzusprechen, selbstreferenziell anzumerken, dass man in puncto homosexueller Beziehungen hätte noch weitaus mutiger sein können oder offen zuzugeben, dass der Einbezug Worfs in die Serie nicht auf sonderlich große Resonanz bei Schauspielern und Schreibern traf. Man stellt sich sogar der Kritik, die Fans in Briefen äußerten, ohne gleich in Rechtfertigungen, Berichtigungen oder eine Verteidigungshaltung zu verfallen. Die Doku trifft nicht zuletzt deshalb einen Nerv, weil sie in Zeiten von Abramstrek, Discovery und einem zeitlichen Abstand von fünfundzwanzig Jahren auch bei vielen Fans eine Neubewertung eingestellt hat, der dazu mit einem Wahrnehmungswechsel einhergeht. Dennoch – und darin liegt der wahre Wert des Werkes – überhöht «What We Left Behind» die Serie nicht und zollt ihr dennoch einen beeindruckenden Tribut.

Kritikwürdige Aspekte.

Über dem Zenit. Die Erstausstrahlung Deep Space Nines ist mittlerweile ein Vierteljahrhundert her und seither hat sich eine Menge getan. Es ist an der Zeit, offen mit Missständen umzugehen und kaum mehr jemand stört sich an deutlichen Worten über eine Serie, die schon seit siebzehn Jahren nicht mehr produziert wird. Über vieles ist längst Gras gewachsen, damalige Führungskräfte sind längst woanders oder alt und ein solches Werk verkauft sich nun einmal deutlich besser, wenn man als Zuschauer mit der ein oder anderen neuen Erkenntnis belohnt wird. Das aber passiert zu selten.
Als Beispiel sei nur der Ausstieg Terry Farrells genannt, der von allen Beteiligten noch immer in so uneindeutigen Formulierungen diskutiert wird, dass der Verdacht, Farrell sei in Gehaltsforderungen zu forsch aufgetreten, gefühlt eher erhärtet als abgemildert wird.

Ferner bekommt man aber auch an einem Beispiel vorgeführt, dass viele der ehemaligen Schreiber die besten Tage bereits hinter sich haben. Ein Großteil der Ideen, die das Autorenteam für eine hypothetische achte Staffel zusammenträgt, sind so cheesy, weit hergeholt oder Null-Acht-Fuffzehn, dass man am Ende recht dankbar ist, dass es nicht so weit kommen wird, dass dieses Hirngespinst in Serienform verwirklicht wird. Zumal es in Buchform deutlich bessere und glaubwürdigere Ansätze gibt, als Behr und seine Altschreiber es jemals zusammengedichtet hätten.

What We Left Out. Es ist natürlich klar, dass eine Doku dieser Länge gar nicht in der Lage ist, alle Themen anzusprechen, die für die vielen Fans und ihre vielen Interessen interessant wären. Behr spricht diesen Umstand im Abspann ohne Scheu an und verrät, dass in den DVD-Features einige aussortierte Themen noch einmal zu finden sein werden. Dennoch bleibt der Verdacht, dass einige heiße Eisen, die vor allem die Schreiberriege betreffen (wie zum Beispiel die häufig kritisierte Idee, Bashir zu einem Augment zu stilisieren) geflissentlich unter den Tisch gefallen sind.

Im Vergleich aber zur zugegeben großen Menge an offen thematisierten Problemen bietet dieser Kritikpunkt allerdings bestenfalls eine Erwähnung der Vollständigkeit halber, um keine falschen Erwartungen zu schüren.

Fazit. Selbst jemand, der kein erklärter Freund des ‹Mittelkindes‹ Deep Space Nine ist, wird sich dem Zauber dieser Dokumentation nicht entziehen können. Er ist ein Manifest für den Einfluss der Fans und erzählt handwerklich auf hohem Niveau von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft einer Serie, die zwar nicht frei von Fehlern, aber deshalb dennoch ein Juwel der Star-Trek-Geschichte ist. Auch wenn es in einigen Fällen ein letztes Quäntchen Mut oder etwas weniger Fanservice verkraftet hätte, bleibt es wie die Serie ein Meilenstein des Star-Trek-Kosmos‘. In einer Sammlung gehört es jedenfalls zwingend direkt hinter die siebente Staffel Deep Space Nine gestellt.

Siehe auch: KULT Serientipp – Star Trek: Deep Space Nine

Sebastian Blasek (auch als Turon47 bekannt) ist in selbst seinen späten Dreißigern noch immer ein großer Star-Trek-Fan, nachdem er 1988 das erste Mal “Raumschiff Enterprise” im Westfernsehen sehen durfte. Aufgewachsen in einem Staat den es nicht mehr gibt, wohnt er heute in Potsdam, wo er Deutsch und Geschichte studiert hat. Der anglophile Fußballfan schreibt in seiner spärlichen Freizeit Artikel für die Star-Trek-Tafelrunde “Hermann Darnell” und schläft am Wochenende gern aus.

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