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Star Trek: Discovery – Besprechung Episode 07 („T=Mudd2“)

von Gastautor Sebastian Blasek

Spoilerwarnung. Diese Rezension enthält detaillierte Informationen zur siebenten Discovery-Episode „T=Mudd²„. Daher sollte man nur weiterlesen, wenn man diese und alle vorherigen Folgen von „Star Trek: Discovery“ bereits gesehen hat.

I. Einleitung.

Der Komiker Horst Evers berichtete in einer seiner Geschichten einmal davon, wie er vor einer Operation den üblichen Fragenkatalog über sich ergehen ließ und irgendwann einmal einfach mit ‚ja‚ antwortete, nur um seine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren. Wenn ich Rezensionen schreibe, geht es mir manchmal ganz genau so.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt zweifle ich an mir, ob ich allen Ernstes noch ein Loblied auf Captain Lorca singen muss, wieder gegen die Klingonen und ihr Äußeres wettern will oder ein weiteres Mal auf die kleinen Kanon-Gimmicks verweisen soll, die außer mir sowieso niemanden interessieren.

In solchen Momenten will auch ein Teil von mir einfach mal schwarzmalen, nur um die eigene Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, zumal mir bereits mehr als einmal bescheinigt wurde, der neuen Serie gegenüber viel zu positiv eingestellt zu sein.
Wie immer nehme ich mir dann aber am Montag wieder routiniert Papier und Stift zur Hand, sehe mir die neue Folge Discovery an und fälle– schlechter Ruf hin oder her – ein eigenes Urteil.

Ich versuche zu begründen, warum ich so denke, bewerte und auch, wenn ich immer wieder von Zweifeln befallen werde, stehe ich natürlich zu meinem Wort. So auch dieses Mal.

II. Handlung.

Michael Burnham hat sich inzwischen so weit im Besatzungsgefüge der USS Discovery etabliert, dass sie nicht nur ganz alltäglich Dienst auf der Brücke schiebt, sondern darüber hinaus sogar auf Partys der Besatzung eingeladen wird. Doch gerade, als sich zärtliche Bande zwischen ihr und Ash Tyler anbahnen, erschüttert eine Stromschwankung den gesamten Alltag an Bord:

Harry Mudd ist zurück, um den Sporenantrieb zu stehlen.
Harry Mudd ist zurück, um den Sporenantrieb zu stehlen.
Harry Mudd ist zurück, um den Sporenantrieb zu stehlen.

Und:

Harry Mudd ist zurück, um den Sporenantrieb zu stehlen.

III. Lobenswerte Aspekte.

Moralität.

Am Anfang hatte ich vor allem Angst. Angst davor, dass es schon wieder eine Tierschutzfolge werden könnte (Gormagander Style!).  Angst, dass sich eine tragfähige Botschaft im Dunstkreis der Teenager-haften Gefühlsduselei verlieren könnte (bereits die Party hat mich viel zu stark an die Flurpartys im Studentenwohnheim erinnert). Und Angst davor, dass die Folge von Mudds gewohntem Pech wie bei all seinen Unternehmungen geprägt würde.

Doch weit gefehlt. Auch wenn ich die Tanzeinlage Stamets‚ mit Burnham arg konstruiert fand, waren die Worte des eifrigen Pilz-Forschers von ungleich größerer Wirkung.

Sie dürfen sich nie verstellen, denn sonst kann eine Beziehung keinen Bestand haben.

Stamets predigt in seinem äußerst intimen Austausch mit Burnham für Ehrlichkeit als Grundfeste einer jeden Beziehung.
Dabei spielt es keine Rolle, ob dies eine partnerschaftliche Beziehung oder eine freundschaftliche ist, denn Ehrlichkeit und Offenheit sind Grundwerte jener Utopie, die Star Trek jenen Anstrich verleihen, dass die Menschheit der Zukunft sich wirklich weiterentwickelt hat.

In seiner Einfachheit war dies ein Moment von schlichter Eleganz, denn auf zwischenmenschlicher Ebene transportiere er einen Gedanken, der mehr als alles andere in der bisherigen Serie die Franchise repräsentierte. Darüber hinaus bestärkte er einen wesentlichen Charakterzug, über den der Außenseiter Burnham zwar verfügt, aber durch die Begleitumstände ihrer ‚Meuterei‚ längst zu kaschieren gelernt hatte. Nun wird er dank der Hilfe neu gewonnener Freunde wieder zu einem zentralen Bestandteil ihrer Figur – ein wunderbares Beispiel dafür, wie man Science Fiction benutzen kann, um in den unüberschaubaren Weiten des Alls an die eigenen Stärken zu appellieren.

Gerade in Zeiten, in denen Unaufrichtigkeit gesellschaftlich besonders hoffähig ist, erinnert es grandios an den unerschütterlichen Optimismus, der bereits die Originalserie getragen hat.
Daneben fand ich aber auch eine weitere Aussage ungemein ansprechend.

Niemand ist allein.

Selbst wenn sich Burnham hinter ihrer Rolle als Paria verkriecht, hat sie doch Leute um sich herum, die bereit sind, ihr zu helfen, Ratschläge zu geben oder da zu sein, wenn sie jemanden braucht. Manchmal muss man eben einfach nur bereit sein, diese Einmischung zuzulassen.

In dieser Rechnung möchte ich Tyler einmal ausnehmen (weil ich immer noch glaube, dass er ein Spion ist), selbst wenn ihn Burnham als Adressaten dieser Einsicht benennt. Sie hat nämlich ausgerechnet in Paul Stamets einen jener Freunde, von denen sie bis dato gar nichts weiß.

Manchmal wartet eben dass, was man sich immer gewünscht hat, tatsächlich gleich hinter der nächsten Ecke.

IV. Kritikwürdige Aspekte.

In diesem Bereich finden sich einige Elemente wieder, die nicht nur negative Seiten aufzeigen, sondern auch den ein oder anderen positiven Bereich benennen. Weil der Grundtenor dennoch zu negativ ausfiel, um die entsprechenden Punkte in den ‚Lobenswerten Aspekten‚ unterzubringen, fallen sie heute einmal in diese Kategorie.

Charakter-Catwalk.

Lange habe ich überlegt, wer der Gewinner dieser Folge ist. Die Antwort? Es gibt keinen eindeutigen Gewinner. Klar könnte man die Meuterin Michael Burnham anführen, die nicht nur die Hauptlast der Moralität, sondern auch einen guten Teil der Haupthandlung trägt. Das einzige, was mich massiv gestört hat war, mit welcher der starken Frauenfigur unpassend anmutenden Schnelligkeit sie sich Ash Tyler an die Lippen warf.

Nicht, dass ich Burnham keine Beziehung gönne, aber ihr Liebes-Timing folgt so sehr Schema F, dass es wie ein Häkchen auf der To-Do-Liste eines Drehbuchautoren unter Zeitdruck wirkt. Dass die Meuterei-Sünderin darüber hinaus auch noch eine Jungfrau wie die Heilige Maria ist, trägt nicht unwesentlich zu meinem Bauchschmerz bei.

Mit einem Umstand komme ich allerdings besser zurande als die ein oder andere Internet-Besprechung:
Dass Burnham ausgerechnet ihre sexuelle Unerfahrenheit als Geheimnis an Stamets weitergibt.

Klar wirkt dies im ersten Moment weit hergeholt, aber Burnham hat sich gerade erst von der vulkanischen Philosophie abgewendet, um sich mit ihren verwirrenden Emotionen auseinanderzusetzen. Dass sie dieses Thema und ihre Unerfahrenheit im Moment mehr als alles andere beschäftigt und allein deshalb als glaubwürdiges Signal herhalten kann, finde ich unter den geschilderten Umständen (so sehr sie mir persönlich missfallen mögen) durchaus nachvollziehbar. War vielleicht jemand anderes in der Lage, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?

Ash Tyler, der deutlich mehr Screentime als zuvor erhielt, konnte sie nicht nutzen, um seinem aalglatten Image des lieben, guten und idealistischen Sicherheitsoffiziers zu entfliehen. Das seiner so kanten- wie eckenlosen Erscheinung nun auch noch die Gigolo-Rolle und die Paarungsbereitschaft Burnhams angedichtet wird, trägt nicht unbedingt dazu bei, ihn neben ungleich tiefer angelegten Charakteren wie Captain Gabriel Lorca, Saru oder Harry Mudd bestehen zu lassen.

Dahingehend waren Sätze wie „Eines muss ich sagen: Sie sind wirklich erstaunlich gut geerdet für jemanden, der ganze sieben Monate gefoltert wurde.“ aus dem Munde Paul Stamets‘ geradezu erfrischend, denn sie erinnerten – nicht zu Unrecht – daran, dass Tyler noch immer stark unter Verdacht steht, ein bestimmter Klingone in Menschengestalt zu sein.

Bliebe noch ebenjener Stamets. So sehr ich ihn mag, gelingt es mir dennoch nicht, seine tatsächliche Rolle und seinen wirklichen Charakter zu erfassen. Wie ein Fisch, den ein Angler frisch aus dem Wasser gezogen hat, glitscht er mir ständig aus dem sicher geglaubten Griff.

Dies liegt vor allem darin begründet, dass er immer noch nicht über den Status eines Nebencharakters hinausgewachsen ist – und dass, obwohl mit „T=Mudd²“ endlich eine Folge ausgestrahlt wurde, in der es eigentlich primär um ihn gehen sollte. Was für eine bessere Möglichkeit gibt es, als sich in einer Geschichte zu profilieren, in der man der einzige ist, der sehen kann, dass an der Zeitlinie manipuliert wird?

Diese Chance erhält Stamets aber nicht. Er wird stattdessen als erzählerisches Ventil verheizt: Er gibt Burnham Beziehungsratschläge, sucht allein in ihr den universellen Problemlösungsansatz und nimmt sich – trotz vorheriger Beteuerungen, keine Zeit zu haben – eine gefühlte Ewigkeit heraus, um mit ihr das Tanzbein zu schwingen.

Am Ende bleibt Stamets‘ Sichtweise unerzählt, obwohl er wie kein zweiter die brachiale Wucht der Ereignisse abfängt. Eine verpasste Gelegenheit, die zwar zur monoperspektivischen Erzählweise passt, aber auch brutal daran erinnert, dass ihm in „Discovery“ keineswegs die gleiche Bedeutung wie anderen zweiten Geigen á la Lorca, Saru oder Ash Tyler zukommt.
Und dann ist da noch Harry Mudd.

Es ist natürlich großartig, dass der flache Charakter aus TOS hier deutlich mehr Tiefgang erhält. Er erscheint geldgierig, gerissen, rachsüchtig, hinterhältig, berechnend, skrupellos, wortgewandt, anarchistisch, frech, manipulativ, verlogen – kurzum vielschichtig. Daneben wird allein von ihm der latente Humor der gesamten Episode getragen.

Doch Mudd ist Gewinner und Verlierer zugleich.
Nicht nur, weil er die sicher geglaubte Beute im letzten Moment verzockt.
Nicht nur, weil aus dem unabhängigen Freigeist ein Sklave in den Ketten der Ehelichkeit wird.
Und nicht nur, weil sich der Betrüger betrügen lässt.

Nein, am Ende ist Mudd wieder genau das, was er nicht sein sollte. Die viele Zeit, die man investiert hat, um die Witzfigur so vielschichtig auszugestalten, hätte man sich auch sparen können, denn am Ende ist Mudd genau wieder da, wo man ihn bei TOS gestohlen hat: Ein Mann, der in seinem Unglück als Objekt der allgemeinen Belustigung dient.

Auch wenn das sicherlich seinen erzählerischen Reiz hat, wirkt es in Anbetracht der vielen erkennbaren Mühen, ihn zu einem würdigen Antagonisten aufzupäppeln, auch wieder ein wenig traurig, wenn der Psychopath zum Schluss gesenkten Hauptes auf seinen angestammten Platz als bemitleidenswerter Tropf zurückkehrt.

Auf der Liste der unterrepräsentierten Figuren finden sich ferner auch Captain Gabriel Lorca, der erste Offizier Saru, Kadett Sylvia Tilly sowie Dr. Hugh Culber wieder, denen in der Folge viel zu wenig Raum bleibt, um  Akzente irgend einer Art zu setzen. Immerhin war Mudds Ehefrau Stella großartig und passend besetzt.

Neues von der Resterampe.

Ich bin wirklich der letzte, der sich beschwert, wenn man sich stilvoll an alte Star-Trek-Elemente, Kanon-Inhalte oder gar chronologische Hütchenspiele wagt, aber das außer Kontrolle geratene Höhenfeuerwerk der siebenten Discovery-Episode „T=Mudd²“ war eindeutig zu viel für meinen Geschmack.

Na klar, waren die Erwähnungen von Alpha Centauri, Anicium-Yurium und Betazed nette Respektbekundungen an alle vorherigen Serien. Selbstverständlich war es schön, dass Mudd Lorca in bester Q-Manier als ‚mon capitain‚ anredet, mit einem Becher wie in „Der dressierte Herrscher“ zuprostet und endlich etwas mehr Background erhält.

Aber davon abgesehen war diese Folge ein wirres Konglomerat aus unpassigen Ersatzteilen, die Plots unschuldiger Star-Trek-Folgen verschiedener Serien grausam entrissen wurden. Es fehlte ganz einfach die subtile Cleverness, mit der sich die Schreiber bislang den Vorbildern genähert hatten.

Ein Weltraumwal?
Hatten wir bereits im TNG-Piloten, „Der Empath„, „Die Begegnung im Weltraum„, „Elogium“ oder „Euphorie„.
Eine Person, die im Gegensatz zu allen anderen von den Auswirkungen zeitlicher Veränderungen verschont bleibt?
Könnte man (in deutlichen originelleren Abwandlungen) auch aus „Die alte Enterprise„, „Der Visionär„, „Temporale Sprüng“ oder „Kalter Krieg“ kennen.

Das perfekt durch-orchestrierte Verbrechen sah man bereits in „Badda-Bing, Badda-Bang„; die Idee, einen Zeitstrom so lange zu manipulieren, bis es passt, stammt aus dem Zweiteiler „Ein Jahr Hölle„; und die Romanze zwischen Hauptdarsteller und Spion langweilte Star-Trek-Anhänger spätestens seit der Beziehung zwischen Chakotay und Seska.

Aber während ich mit all dem munteren Ideenklau vergleichsweise noch gut leben könnte, stört mich am meisten, dass „T=Mudd²“ eine dreiste Kopie der TNG-Folge „Déjà Vu“ ist.

Dieser Diebstahl präsentiert sich als so unverhohlen offen, dass selbst der Einbezug von Harry Mudd den Karren nicht mehr aus dem Dreck zu ziehen versteht. Dazu noch ein bisschen „Pulp Fiction“ dort, ein wenig „Und täglich grüßt das Murmeltier“ hier und ein wenig „Ocean’s Eleven“ da – und fertig ist eine Folge, die am Ende wirkt, als hätte man alle Elemente unmotiviert in einen Mixer geworfen und zwei Stunden lang zu einem grauen Einheitsbrei püriert.

Ich könnte jetzt ähnlich uninspiriert das berühmt-berüchtigte Janeway-Zitat

Verdammte Zeitreisen! Schon am ersten Tag als Captain der Sternenflotte hab ich mir geschworen, dass ich mich nie in eine dieser Paradoxien hineinziehen lassen würde. Die Zukunft ist Vergangenheit oder umgekehrt – ich krieg‘ Kopfschmerzen davon.

in den Raum werfen und darauf warten, dass früher oder später ein eifriger Kommentator bemerkt, dass Zeitreisen eine gute alte Tradition der Franchise sei. Das stimmt nämlich auch alles.

Aber wenn ich wirklich ein halbgares Potpourri aus alten Star-Trek –Erinnerungen mit stets fröhlich-humorigem Ausgang sehen möchte, kann  ich mir genauso gut eine Folge von „The Orville“ anschauen und nicht die Star-Trek-Serie, die sich anschickte, alles anders zu machen und die angestaubte Franchise neu zu erfinden.

Mut zur Lücke.

Es spricht für die Experimentierfreudigkeit der Discovery-Produzenten, im Zweifelsfall zugunsten der Handlung auf einen Teaser zu verzichten. Es ist auch legitim, den Seiltanzakt zwischen Abgrund und Humor in dieser (wie ich finde sehr angenehmen) Art zu absolvieren. Ebenso kann man auch mal für eine Folge davon absehen, andere Handlungsstränge wie z.B. die Klingonen und ihr hochrangiges Entführungsopfer zu thematisieren, um die Spannung weiter zu steigern, neue Handlungsschauplätze zu eröffnen oder ältere Entwicklungen zu Ende zu erzählen.

Am Ende fühlte sich die Folge aber eher wie ein Pausenfüller an. Es war eine Folge, in der der Zuschauer noch einmal Luft holen konnte, bevor das Tempo der beiden vorangegangenen Episoden wieder aufgenommen wird. Sie hängt thematisch in der Luft, ohne die generelle Handlung der Serie sonderlich voranzutreiben, wodurch es ihr verwehrt bleibt, dem größeren Geschehen einen aussagekräftigen eigenen Beitrag hinzuzufügen.

Ein Snack für zwischendurch ohne größeren Nährwert.

Kanonbrüche und Logiklöcher.

Weil die ein oder andere schwerwiegende Kanon-Unverträglichkeit bereits zur Genüge in vorangegangenen Besprechungen angeschnitten wurde, kommen wir einfach zügig auf den Punkt:

Den großen – zuvor nie gesehenen – Bruch findet man nicht.

Dafür gibt es eine ganze Reihe der üblichen kleineren Unstimmigkeiten, Unglaubwürdigkeiten und Widersprüche, die die Serie seit Ausstrahlungsbeginn wie ein Schatten verfolgen.

Kann sich denn noch jemand daran erinnern, wie besorgt Burnham, Stamets und Culber waren, als das Bärtierchen plötzliche Verhaltensauffälligkeiten zeigte?

Als Stamets in dieser Episode ebenfalls deutliche und häufig angesprochene Wesensveränderungen zeigt, scheint niemand sonderlich besorgt um ihn zu sein. Und das, obwohl er in einer Beziehung mit einem der Bordärzte steckt, die Position des Chefingenieurs bekleidet und sein Wissen um den Sporenantrieb von kriegsentscheidender Bedeutung ist.

Bei Lichte besehen passt dies wiederum irgendwie ins Gesamtbild, denn die USS Discovery ist ein einziges Sicherheitsrisiko. Man kann vergleichsweise einfach an Bord gelangen, problemlos schiffsweite Explosionen auslösen und ein Sicherheitssystem wie den Computer so schnell übernehmen, dass einem selbst als Zuschauer schwindlig wird.

Als ob das nicht beunruhigend genug wäre, ist Mudd mittlerweile ein Geheimnisträger, der in seinem Wissen auf einer Ebene mit Lorca, Burnham oder Tilly steht und maximal von Stamets übertrumpft werden dürfte. Doch während alle anderen zur Geheimhaltung verpflichtet sind, muss sich der vorbestrafte Kriminelle zu keinerlei Stillschweigen bereiterklären, darf die Discovery trotz mehrerer Morde (oder zumindest Mordversuche) straffrei verlassen und zu allem Überfluss auch noch in der kriminellen Organisation eines zwielichtigen Unterweltbosses Unterschlupf finden. Wie erklärt Lorca sein Vorgehen dieses Mal seinen Vorgesetzten, nachdem er bereits wegen der Verpflichtung einer Meuterin, eugenischen Experimenten und dem Verlust eines hochrangigen Führungsoffiziers angezählt wurde?

Immerhin scheint der zwielichtige Captain dank des nicht minder zwielichtigen Gauners nun über einen Zeitkristall zu verfügen, der so ungefähr das ist, was ‚Omega 13‚ bei „Galaxy Quest“ war – sicherlich ein hilfreiches Werkzeug im Verlauf des weiteren Seriengeschehens.

Ansonsten gibt es insbesondere bei Mudd noch einige weitere Unstimmigkeiten.

Nachdem der Tunichtgut bereits in „Der Liebeskristall“ mit Kristallen experimentierte, zaubert er nun (nie zuvor erwähnte) Zeitkristalle aus dem Hut. Was ist der Mann von Beruf gewesen, bevor er Verbrecher wurde? Ein Kristallograph?
Was ich allerdings noch unglaubwürdiger finde, ist der Umstand, dass er im Gefängnis mit einem Banküberfall prahlt, den er ausgerechnet auf Betazed durchgeführt haben will.

So sehr ich mich über die chronologisch erste Erwähnung der Heimatwelt Deanna Trois freue, so sehr finde ich sie auch zweifelhaft. Auf einer Welt von Supertelepathen mag man zwar mechanische Komponenten eines Tresors überwinden können, aber spätestens, wenn man sich davor oder danach unter das Volk mischt, wird der vermeintliche Clou schneller auffliegen als das Geheimnis des Sporenantriebs in dieser Episode.

Zudem wundert mich etwas, dass die Manipulation der Zeit keine temporalen Agenten wie Daniels auf den Plan ruft, die ansonsten ja ziemlich darauf bedacht sind, dass die Zeitlinie unangetastet bleibt. Oder ist diese Art des Zeiteingriffs nur eine mindere Straftat, die man den lokalen Behörden überlässt?

Abschließend fand ich auch die Party an Bord der Discovery etwas arg anachronistisch. Zwar macht die Abkürzung ‚D.I.S.C.O.‚ nun mehr Sinn als je zuvor, aber es wirkt doch merkwürdig old school, wenn man sich vor Augen hält, dass man in zweihundert Jahren immer noch Saufspiele wie Bier-Pong spielt, Disco-Kugeln und ähnliche Beleuchtung verwendet und vor allem Musik hört, die Bender in „Futurama“ als ‚klassische Musik‚ bezeichnen würde. Immerhin war die Verwendung von „Stayin‘ Alive“ eine nette Idee, die darüber hinaus auch noch der gesamten Folge einen süffisant-ironischen Unterton verlieh.

V. Übersetzung.

Hand auf’s Herz: In der deutschen Translation geht einfach vieles verloren.
Wenn beispielsweise der simple Dialog

You are mad!
No, I’m Mudd!

nur mit ein ungleich weniger wohlklingenden

Sie sind verrückt!
Nein, Mudd!

wiedergegeben werden kann, dann zeigt es sich deutlich, dass es Vorteile haben kann, auch die englische Sprache zumindest weit genug zu beherrschen, dass man mal eine Folge im Original sehen kann (und Netflix macht es uns dahingehend echt einfach).
Auch der damit in Verbindung stehende englische Titel „Magic to Make the Sanest Man Go Mad“ (meine bescheidene Übersetzung dazu: „Ein Zauber, um den vernüftigsten Mann in den Wahnsinn zu treiben„) ist natürlich um Längen schöner als der deutsche.

Wobei ich an dieser Stelle auch einmal eine Lanze brechen muss.

Der deutsche Titel ist – abgesehen von seiner mathematischen Fragwürdigkeit – durchaus akzeptabel und ich muss zugeben, dass die Übersetzung der Folge gerade in Bezug auf Mudd großartig ist. Insbesondere in seinen blumigen Umschreibungen ist sie eine eindeutige Kreativleistungen, die einmal auf angenehme Art an den Umgang mit Mudd noch zu Zeiten der Originalserie erinnert. Nicht zuletzt durch die Synchronisation fällt es im deutschen leichter, eine Brücke zwischen beiden Mudd-Versionen schlagen zu können.

Besonders freut mich stets jeder (auch noch so kleine) Auftritt Dr. Hugh Culbers; zumindest seitdem ich weiß, dass Benjamin Stöwe ihm seine deutsche Stimme leiht. Dass es mit dem Betreiber des ‚kleinsten Star-Trek-Museums der Welt‚ ‚einer von uns‚ geschafft hat, einen solchen Beitrag zu Star Trek zu leisten, rundet das ‚Erlebnis Discovery‚ nur noch mehr ab.

Einziger Wehrmutstropfen sind wie immer die deutschen Untertitel, die ihre Aktivierung nach wie vor nicht rechtfertigen.

VI. Fazit.

T=Mudd²“ ist in meinen Augen die bislang schwächste Folge innerhalb der neuen Serie. Trotz einiger vielversprechender Ansätze verrennt sie sich in einer seelenlosen Wiederverwertung ausgiebig behandelter Themen, widerspricht einer inneren Logik in vielen kleinen Punkten und vermag es nicht, den einzelnen Figuren eine stringente Entwicklung zu verschaffen. Abgekoppelt vom größeren Erzählrahmen bedient sie eher die von ihr angeprangerten Wiederholungen, als die von ihr herbeigesehnten Veränderungen. Die anvisierte Neuerfindung Star Treks sucht man in der siebenten Episode jedenfalls vergebens.

Bewertung.

Das ist verrückt! Nein, Mudd!

VII. Schluss.

Da ist sie. Meine erste negativere Rezension.

Es fühlt sich schlecht an, denn ein Teil von mir will natürlich, dass Discovery ein großer Erfolg für Star Trek wird. Aber ich habe haarklein dargelegt, was mir dieses Mal eben nicht gefallen hat.

Das interessante daran ist, dass mein negativer Eindruck von anderen nicht geteilt wird.
Rezensionen, die in den von mir positiv benoteten Folgen eher schlechte Seiten sahen, sprudeln nunmehr vor Lob für diese Episode über.

Das zeigt vor allem eines mit aller Deutlichkeit:

Keine Kritik hat einen Generalvertretungsanspruch. Menschen sind von Natur aus unterschiedlich und legen ihre Schwerpunkte auf verschiedene Aspekte. Es beruhigt mich sogar ein wenig, dass andere in dem, was ich mit Zweifel sehe, etwas erkennen können, das mir verborgen bleibt.

Am Ende muss sich nämlich jeder Zuschauer selbst ein Bild von „Discovery“ machen und ein eigenes Urteil fällen. Rezensionen können fraglos dabei helfen, aber eine allgemein gültige Antwort liefert keine von ihnen.
Diese stellt darin keine Ausnahme dar.

Denkwürdige Zitate.

Wir können uns alle glücklich schätzen, zusammen mit unseren Waffenkammeraden hier zu sein und lachen und tanzen zu können. Aber wir wollen dabei trotzdem all jene nicht vergessen, die im Kampf große Opfer erbracht haben oder ihr Leben für uns gegeben haben, damit wir weiterkämpfen können. Auf die zehntausend, die uns verlassen haben, die wir aber nie vergessen werden!
Ash Tyler

So ein Glück; Sie wurden vor dem Small Talk mit mir gerettet…“
Tyler

Warum sollten Sie sich bitte für eine zufällige physische Interaktion entschuldigen? Genau dies sind doch die Momente, die das Leben so wunderbar unvorhersehbar machen!
Paul Stamets zu Michael Burnham

Und außerdem werde ich Sie so viele Male wie möglich umbringen…“
Harry Mudd

Captain, geben Sie mir die Aufsicht darüber! Als Xenobiologin kann ich am besten die Bedürfnisse der Kreatur einschätzen.
Mir egal, wer das macht. Regeln Sie’s einfach!
Dann überwache ich die Sicherheit bei der Operation, Captain.
Gut! Ist mir genauso egal. Gehen Sie!
Burnham, Lorca und Tyler

Glauben Sie, dass der Wal bewaffnet ist?
Medizinischer Offizier (vielleicht der Chefarzt der Discovery?)

Käfer kennen keine Treue.
Mudd

Egal wie oft ich das mache – es wird dadurch nicht besser.
Stamets

Ist der Fisch sicher an Bord gelandet?
Genau genommen ist es kein Fisch. Es…“
Lorca und Saru

Was zur Hölle machen Sie auf meinem Schiff?
Sie stellen mir diese Frage jedes Mal wieder. Das wissen Sie, oder? Nein, wissen Sie natürlich nicht.“
Lorca und Mudd

So leicht wie man das Schiff zerstören kann, wirkt das fast wie ein Konstruktionsfehler.
Mudd

Wo ist Mudd jetzt?
Zu dieser Zeit bringt er meistens den Captain um…“
Burnham und Stamets

Hey, ich hab da drüben einen echt heißen Typen gesehen und der scheint Musiker zu sein!
Stamets zu Tilly

Oh-oh! Eine Xenoanthropologin die in der Ecke steht. Studieren Sie etwa das Liebesverhalten gestresster Soldaten?
Tyler zu Burnham

Tanzen Sie mit mir! Zu Forschungszwecken… Ich muss ja sehen, mit wem ich es hier zu tun habe…“
Stamets zu Burnham

Das ist ja ein verrückter Abend! Aber irgendwie auch interessant…“
Tyler zu Burnham

Falls also irgendwer von Ihnen plant, sich zum Helden aufzuspielen – Sie eingeschlossen, beliebiger Sternenflotten-Kommunikations-Fuzzi – werden Sie sehen, dass es wenig gibt, was ich nicht weiß.“
Harry Mudd

Niemand besiegt Mudd.
Mudd

Ach Lorca, es wird mir sehr fehlen, Sie zu töten. Adieu, mon capitain!
Mudd zu Lorca

Hör zu, Zuckerschnütchen: Ich bin vom Tag meiner Geburt an beschissen worden. Ich hab das hier verdient!
Mudd zu Burnham

Du weißt, wieviel Du mir bedeutet hast… bedeutest! Wieviel Du mir bedeutest, aber um ganz ehrlich zu sein: Mein Leben ist gesäumt von – ach, wie soll ich es nennen? – schlechten Entscheidungen, Schulden, Schandflecken die meinen Ruf beschmutzt haben und ich wollte nicht den Bund der Ehe mit dir eingehen, solange ich mich nicht davon befreien konnte. Und so zog ich los, um mich reinzuwaschen. Aber – und leider! – bin ich auf Abwege geraten.
Harry Mudd zu Stella

So wie Wiederholung zu Wiederholungen führt, so bringt Veränderung Veränderung hervor. Die Wahrheit ist wohl, dass wir nie wissen können, was uns erwartet. Manchmal findet man nur dann heraus wo man hingehört, wenn man der täglichen Routine entflieht. Denn manchmal wartet das, was man sich immer gewünscht hat, gleich hinter der nächsten Ecke.“
Burnham

Besprechung Episode 01 & 02
Besprechung Episode 03
Besprechung Episode 04
Besprechung Episode 05
Besprechung Episode 06

Sebastian Blasek (auch als Turon47 bekannt) ist in selbst seinen späten Dreißigern noch immer ein großer Star-Trek-Fan, nachdem er 1988 das erste Mal “Raumschiff Enterprise” im Westfernsehen sehen durfte. Aufgewachsen in einem Staat den es nicht mehr gibt, wohnt er heute in Potsdam, wo er Deutsch und Geschichte studiert hat. Der anglophile Fußballfan schreibt in seiner spärlichen Freizeit Artikel für die Star-Trek-Tafelrunde “Hermann Darnell” und schläft am Wochenende gern aus.

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